Teil XI: Üble Gesinnungen honoriger Menschen


 


 

Von Zurückhaltung und abwägender Auseinandersetzung keine Spur mehr. Der Rausch begann. Man probierte aus, wie stramm man sein konnte, selbst wenn man kein Hau-drauf-Typ war. Diejenigen, die sich eingestehen mußten, daß die neue Schneidigkeit nicht ihre Sache war, boten ein harmloses Alternativprogramm von ganz gewiß nicht undeutschen, aber eben nicht nationalsozialistischen Lieblichkeiten. Bezeichnend für diese Verweigerung von Herrschaftsphantasien war zunehmend die Adventsfeier, deren Beliebtheit über die bisherige sogar noch anstieg. Mit zunehmender Kriegsgefahr nahmen sogar bei den Überzeugten die scharfen Töne ab. Wenn man weiß, daß schon ab 1935 durch Befehl von ganz oben — eben nicht als defätistische, potentiell regimefeindliche Aktion — mehr und mehr Kunstwerke aus dem öffentlichen Raum Nürnbergs im Kunstbunker eingelagert wurden (das konnte ja jeder Kirchenbesucher von Sonntag zu Sonntag feststellen), ist jede Spekulation, wie viel die Deutschen von den endgültigen Absichten der Führung wissen konnten, hinfällig. Dazu mußte man nicht einmal das in der Ordensbibliothek pflichtschuldigst vorhandene Kampfbuch gelesen haben. Die zentrale Kultur-überwachungsbehörde forderte Monatsberichte. Man konnte nicht mehr aus. Es gibt eine dreistufige Identifikation mit dem Regime, die man auch heute immer wieder beobachten kann: 1. „Ich will die nicht in der Regierung, aber denen da oben einen Denkzettel geben. Darum wähle ich XYZ.“ — 2. „Ich bin nicht mit allem einverstanden, was die neue Regierung tut, aber das wird sich schon abschleifen.“ — 3. „Ich bin uneingeschränkt für die Regierung, weil ich schon immer so gedacht habe.“ Und was kommt als Viertens?



 

Die Gleichschaltungssatzung


Wilhelm Schmidt berichtet: „Mit dem nationalsozialistischen Umbruch wurde auch der Blumenorden ,gleichgeschaltet’ und bekam abgeänderte Satzungen.“ Der Passivsatz verdeckt, wer da gleichschaltete.


I § 1. [Die Satzung beginnt wie die von 1923 mit dem Zweck des Blumenordens, fährt dann aber fort:] Er setzt sich weiter zur Aufgabe, die Arbeit der nationalen Regierung zum Wiederaufbau des deutschen Reiches nach Kräften zu unterstützen. Insbesondere soll dies durch Förderung der kulturellen Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit den von der nationalen Bewegung gegründeten Organisationen erfolgen.“


II § 2. [ersetzt „korrespondierend“ durch „in schriftlichem Verkehr stehend“.]


§ 3. In den Orden kann nur aufgenommen werden, wer arischer Abstammung und nicht mit Angehörigen der jüdischen Rasse verheiratet ist. Auch Frauen können als ordentliche Mitglieder aufgenommen werden. [Dies hatte keine Austrittswelle jüdischer Mitglieder zur Folge, weil es sie nicht mehr gab. Nathan war schon gestorben, andere vermutlich eher ausgetreten, als im Orden, wie zu sehen war, durchaus noch Stimmen erhoben wurden gegen den einsickernden Antisemitismus. Doch die Zeichen der Zeit waren längst schon deutlich.]


§ 4. Wer in den Orden als ordentliches Mitglied aufgenommen werden will, muß durch ein ordentliches Mitglied vorgeschlagen werden. Die Aufnahme vollzieht der Ordensführer. [Es gibt keine Abstimmung oder Kugelung mehr.]


§ 5. [Für außerordentliche Mitglieder:] Die Aufnahme erfolgt in gleicher Weise und unter den gleichen Bedingungen wie die der ordentlichen Mitglieder.


§ 6. [Mitglieder im Schriftverkehr: …] nicht gegen die Bestimmungen des § 3 verstoßen. Ihre Ernennung erfolgt durch den Ordensführer. [Man glaubte, von dem unwürdigen Gerangel der Weimarer Demokratie wegzukommen und verstieß damit gegen viel älteres und wohlbewährtes Herkommen.]


§ 7. […] Die Ernennung der Ehrenmitglieder erfolgt nach vorangegangener Besprechung, welche in einer Hauptversammlung erfolgt, durch den Ordensführer. [Das Modell einer Anhörung ohne Stimmrecht. So bleibt’s auch fürder:]


§ 8. […] Aufnahmegebühr, deren Höhe der Ordensführer nach in der Hauptversammlung erfolgter Besprechung bestimmt wird […] Hinterbliebene verdienter Mitglieder sind beitragsfrei. [Die bereits eingeführte Praxis paßt gut zum Sippendenken, tendiert allerdings zum Einnahmeschwund.]


§ 9. [Festlegung des Jahresbeitrags nach Anhörungsprinzip.]


§ 10. [entspricht dem alten § 11, mit dem Zusatz:] Die Mitglieder schenken durch die Wahl des Ordensführers diesem ihr ganzes Vertrauen und richten sich deshalb nach seinen Entscheidungen. Sie bringen ihre Wünsche und Anträge vor, sie besprechen und verhandeln dieselben, überlassen aber die letzte Entscheidung dem Ordensführer, soweit nicht Gesetz oder Satzung anders bestimmen. [Man konnte das einfach als Anti-Querulanten-Paragraphen auffassen. Der Abstand zum Stichentscheid scheint nicht allzu groß. In Wirklichkeit entspringt das alles dem Sog, dem Größenwahn des Führers aller Führer nachzueifern.]


[§ 11 entspricht § 12 alt, § 12 anfangs § 13 alt, fährt dann fort:] Der Ordensführer hat das Recht, Mitglieder, die sich der Ausrichtung des Ordens auf das neue Deutschland widersetzen, auszuschließen. Auch hier hat er sich seiner Verantwortung für das Wohl des Ordens bewußt zu sein.


III. § 13. Der Orden wird geleitet und vertreten von einem Ordensführer, der in einer Hauptversammlung gewählt wird. [Es gibt keinen 2. Vorsitzenden oder Vizepräses mehr.]

§ 14. Der Ordensführer bestimmt sich seine Mitarbeiter aus den Reihen der Ordensmitglieder nach eigenem Ermessen. Die Mitarbeiter müssen mindestens aus den in § 15 genannten Personen bestehen.


§ 15. der Ordensführer hat sich für die Verwirklichung der Ziele des Ordens unter Beachtung der weltanschaulichen Forderungen der Nationalsozialistischen Bewegung einzusetzen. Insbesondere hat er dem Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ praktische Geltung zu verschaffen. [Was kann das bei einer sprach- und literaturpflegenden Vereinigung heißen? Doch nur, daß der unklare Massendruck als Legitimation für vorgeblich uneigennütziges Schalten und Walten weniger herhalten muß.] Zur Regelung der geschäftlichen Angelegenheiten lädt der Ordensführer in regelmäßigen Abständen die Ordensmitglieder bzw. seine Mitarbeiter zu Zusammenkünften ein. Bei diesen berichtet er über seine Tätigkeit, über Kassenführung und dgl. und nimmt Vorschläge der Mitglieder entgegen. In allen Fragen entscheidet, soweit nicht das Gesetz oder die Satzung besonderes bestimmt, allein der Führer. Damit übernimmt er aber auch insoweit die volle Verantwortung für das gesamte Tun und Lassen des Ordens sowohl gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit [von der nur mehr das „gesunde Volksempfinden“ übrig geblieben sei dürfte], als auch gegenüber den Vereinsmitgliedern. Der Ordensführer soll nach Möglichkeit jenen Mitgliedern entnommen werden, welche schon seit längerer Zeit der N.S.D.A.P. angehören. [Unterstreichung im Original.] Findet sich unter diesen kein geeigneter Mann, so kann auch ein anderes Mitglied des Ordens diesen Posten übernehmen, wenn es der nationalsozialistischen Bewegung so nahe steht, daß eine Führung des Ordens im Sinne der neuen Weltanschauung gewährleistet ist. Der Nachweis gilt im allgemeinen dann als erbracht, wenn dafür die Bestätigung einer amtlichen Parteistelle oder zweier Parteigenossen, die vor länger als einem Jahr die Parteimitgliedschaft erworben haben, vorgelegt werden können. Bei der Wahl seiner Mitarbeiter hat der Ordensführer zu beachten, daß mindestens die Hälfte derselben den gleichen Anforderungen entspricht.


§ 16. Der Ordensführer bestimmt: [es geht weiter wie in § 17 alt, nur daß bei den Schriftführern, wahrscheinlich Fräulein von Praun zuliebe, ausdrücklich eine „Schriftführerin“ vorgesehen ist.] Der Ordensschatzmeister hat Vertretungsmacht für den Orden für alle diejenigen Rechtsgeschäfte, welche der ihm zugewiesene Geschäftskreis gewöhnlich mit sich bringt.


§ 17. [bringt nun alle Befugnisse des Führers, die bisher Vorstand und Ausschuß hatten.]


§ 18 [bis IV § 26 entsprechen nun genau den alten Paragraphen 20 bis 30, bei dem zur Rechnungslegung der getätigten Geschäfte allerdings erweitert wird:] Finden diese nicht die Zustimmung von mehr als der Hälfte der anwesenden Ordensmitglieder, so hat eine Neuwahl des Ordensführers stattzufinden. [Man läßt sich nicht nachsagen, in Geldangelegenheiten korrupt zu sein. Zur Einberufung der außerordentlichen Versammlung genügt allerdings nicht mehr ein Zehntel, sondern erst ein Drittel der ordentlichen Mitglieder.] Abstimmungen finden nur in den Hauptversammlungen statt und zwar 1. bei Stellung der Vertrauensfrage, 2. bei der Wahl eines neuen Ordensführers, 3. bei Änderung der Satzungen, 4. bei der Auflösung des Ordens. Bei Punkt 1. und 2. entscheiden [sic] einfache Stimmenmehrheit; für Punkt 3  ist 2/3 Stimmenmehrheit, für Punkt 4 Einstimmigkeit der anwesenden Ordensmitglieder der anwesenden stimmberechtigten Mitglieder erforderlich. Die Abstimmung ist geheim. Sinkt die Zahl der Mitglieder des Ordens unter 3 herab, so tritt § 73 RGB in Wirksamkeit. Ein noch vorhandenes Vermögen wird kulturellen oder wohltätigen Organisationen überwiesen; Bilder, Bücher und Archivbestände werden dem Stadtarchiv Nürnberg übergeben, ebenso die Ordenspokale. [Vgl. §§ 37, 38 alt: diese wären doch unabänderlich gewesen. Aber ein auf die nächsten 1000 Jahre eingestelltes Bewußtsein von historischem Umbruch achtet die Vergangenheit gering und erklärt sich damit unversehens selbst zur Eintagsfliege.]


V § 27 Das Ordensvermögen gehört dem Orden, der juristische Person gemäß § 21 BGB ist [es lebe die Legalität, wo die Rechtmäßigkeit keine andere Stütze mehr hat]; es soll in seinem Bestande nach Tunlichkeit erhalten,  wenn möglich vermehrt werden. [Weiter wie § 31 alt.]

 [Die §§ 27 und 28 entsprechen 32 und 33 alt, aber vom Ordensdiener ist nicht mehr die Rede, nur von „Honorierung von Ordensverrichtungen“. § 30 entspricht § 34 alt, bis auf die Bezeichnung „Ordensführer“ statt „-vorstand“.]


[VI [§ 31, § 32 und § 33 entsprechen §§ 35 bis 38 alt, mit dem Zusatz:] Die abgelieferten Arbeiten jeden Mitglieds sollen in einer besonderen Mappe aufgehoben werden.


Anhang: Die Mitarbeit des Ordens an den Zielen der nationalen Regierung, zu der sich der Orden durch die geistige Ausrichtung auf das Dritte Reich bereit erklärt, bekundet er durch den korporativen Anschluß an den Kampfbund für deutsche Kultur. Der Orden wird jeweils nach dem alljährlichen Rechnungsabschluß denjenigen Betrag an den Kampfbund für deutsche Kultur abführen, den er glaubt, nach den finanziellen Verhältnissen des Ordens abführen zu können.


Unbezeichneter Zeitungsausschnitt ohne Datierung:


Professor Eberhard Frhr. v. Scheurl 60 Jahre

[…] Was ihn aber besonders auszeichnet, ist seine nationale Einstellung. Er gehört zum nationalen Kern der Hindenburg-Hochschule und hatte wegen seiner Einstellung in der Nachkriegszeit schwer zu kämpfen. Unerschütterlich hielt er durch und verbreiterte von Jahr zu Jahr die nationale Basis an der Hochschule. Von seinen Kollegen, seinen Freunden und Schülern wird er wegen seines lautersten Wesens und seiner auf christlicher Ethik eingestellten Persönlichkeit geachtet und verehrt. […]


Nun war er für das Mobbing zu Beginn der verhaßten „Systemzeit“ gerächt. Die Frage war, ob ihn seine christliche Ethik vor Verstößen gegen die Menschlichkeit bewahren werde. Aber jetzt wurde erst einmal der Rassenwahn ausgespielt.


Dienstag, den 19. Oktober 1933        8. Wochenversammlung

[Zitat aus einem Bericht des Fränkischen Kuriers:] Der erste Abend des Winterhalbjahrs bot mit dem Vortrag Oskar Franz Schardts über Kultur, Brauch und Staat der Germanen und der Deutschen einen großzügigen Einblick in die Gesetze ihres Werdens, ihres Untergangs und ihrer Wiederverankerung. […] Endlich wurde an Beispielen bewiesen, daß das an eine fremde Rasse verschwendete und überfremdete Blut für den Gegner Zuwachs und für uns Unheil sei. […]


Dienstag, den 14. November 1933

[Zeitungsausschnitt, gezeichnet S.v.P.]

Pegnesischer Blumenorden

In der außerordentlichen Hauptversammlung wurde der bisherige 1. Ordensvorsteher, Universitäts- und Hochschulprofessor Dr. Eberhard Freiherr v. Scheurl, der den Orden seit fast 9 Jahren in treuer Hingabe leitete, einstimmig zum Führer gewählt. Seine Leitung bietet die beste Gewähr, daß der Orden in vaterländischem Sinne und im Geiste der nationalsozialistischen Bewegung geführt werden wird.

Hierauf erfreute Baron Scheurl die zahlreich Erschienenen mit einem überaus fein durchdachten Vortrag über Oswald Spenglers „Jahre der Entscheidung“. […] es ist möglich, daß wir die Zukunft gewinnen; denn wir sind das stärkste Volk der Erde, das seine Kräfte durch die Jahrhunderte aufgespeichert hat. […] Mehrheitsbeschlüsse werden nicht das Ende sein, sondern der Führergedanke. […] Sämtliche farbigen Rassen stehen wie in einem Bund gegen die weiße. […] Spengler zeigt uns Gefahren, gegen die wir kämpfen müssen, und dafür müssen wir unsere Rasse stählen, gottesfürchtig, treu, opferfreudig und selbstbeherrschend zu sein. […]




Geschichtliches und Privatgemütliches


So eine Art Vizepräses gab es eben doch, und zwar in der Person des Pfarrers Georg Türk. Er war dem Blumenorden als Heimatdichter bekannt geworden und nahm mit der Zeit die Rolle des Führer-Stellvertreters ein. Eberhard von Scheurl schien sich für den Orden nicht sehr viel Zeit zu nehmen, jedenfalls taucht er in den Protokollen selten auf; vielleicht hatte er andere Ambitionen. Seine Gemahlin kümmerte sich um das Programm, und Türk sorgte dafür, daß es auch den noch nicht fanatisierten Mitgliedern wohl zumute sein konnte. Die Freitagsrunde mit ihren Aussprachen war trotz der Einrede Kügemanns nicht mehr am Leben, sondern der Vortragsbetrieb, über den nicht viel Außergewöhnliches zu berichten ist, lief rund, und die Feiern wurden durchgeführt, zum Teil umfunktioniert.


Dienstag, den 12. Dezember 1933    11. Wochenversammlung Adventsabend

[Die musikalischen Darbietungen bestanden in Werken von Corelli und Viotti, dann gab es Gedichte und ein Weihnachtsmärchen von Theodor Volbehr „Der kleine Solist“.]

Baron Scheurl dankte allen Mitwirkenden herzlich, und man blieb in schöner, festlicher Stimmung gerne noch ein wenig plaudernd bei Tannenduft, auch nachdem die Kerzen auf den Tischen längst verlöscht waren, sitzen.


9. Wochenversammlung        Dienstag, den 16. Oktober 1934

[…] Was danach der Stellvertreter des Ordensführers, Pfarrer Georg Türk, bot, unter der Überschrift „Aus vergilbten Stammbüchern“, war eine wahre Herzenserquickung. […] Man muß, so schloß der Vortragende, diese Zeugen einer vergangenen Zeit ganz allein lesen, beim Kerzenlicht, dann in völliger Dunkelheit die Hände über die alten Bücher gleiten und ihr Schweigen reden lassen vom raschen Flug der Zeiten. […]


1. Wochenversammlung        Dienstag, den 15. Januar 1935

[…] Zu Beginn der letzten [?] Versammlung gedenkt Pfarrer Türk des glänzenden Verlaufs der Saarabstimmung u. des Ergebnisses und fordert die Anwesenden zu einem, von jedem begeistert aufgenommenen 3fachen Sieg-Heil auf Führer, Staat und Volk auf.


8. Wochenversammlung        Dienstag, den 28. V. 35

[Text von Sophie von Praun aus dem Fränk. Kurier No 153 3. VI 35:]

Germanen

[…Referat von Scheurl:] Schilderungen des Tacitus in seiner Germania und die Forschungsergebnisse E. v.  Heyks wurden einander gegenübergestellt. […] In dem nationalen Rechtsstaat, in dem wir heute leben, sehen wir als Mittelpunkt nicht den einzelnen, sondern die Gesamtheit an. Die Bluts- und Schicksalsverbundenheit tritt in Erscheinung. […]


Adventsabend im Pegnesischen Blumenorden

[Nordb. Zeitung und Fr. Kurier. S.v.P.]

Zum Adventsabend fand sich eine große Zahl von frohen, erwartungsvollen Ordensmitgliedern und Gästen im Puttensaale des Hauses der Colleg-Gesellschaft ein, der von F. Trost und seinen bewährten Hilfskräften entzückend weihnachtlich ausgeschmückt war. Auf die Begrüßungsworte des Ordensführers […] folgte mit der H-Moll-Sonate von Tartini für Violine und Klavier, von Oberstudiendirektor Rorich und Professor Kaspar gespielt, ein hoher musikalischer Genuß. Ein Gruß in Versen des leider fernen Pfarrer Türk leitete über zu dem von Elisabeth Schnidtmann-Leffler gedichteten Vorspruch zum Advent. Drei Engel […] wenden sich, umgeben von einigen niedlichen kleine Lichter tragenden Engeln, mit ihren Gaben, einem Stern, einem Herzen und einer brennenden Kerze an die Frauen […]

Helene Friderich erfreute nun mit drei Liedern aus der von Oberstudiendirektor Rorich vertonten Sammlung „Himmelsrosen“. […] Beethovens F-Dur-Romanze […] sowie das geistliche Wiegenlied von Brahms […] Den Abschluß bildete eine Adventserzählung von Karl Burkert […]


Allg. Rundschau 11. XII No. 297

Adventfeier des Pegnesischen Blumenordens

[…] Nachdem Baron Scheurl die Erschienenen herzlich begrüßt hatte, leitete Magda Schöpf (Alt) mit Liedern von Beethoven und Schubert den musikalischen Teil des Abends stimmungsvoll ein […] Emil Bauer las […] seine weihnachtliche Erzählung: „Requiem“ […] Die D-Dur-Sonate von Händel […] leitete über zu einer feinsinnigen Erzählung von Clara Freifrau von Scheurl „Das Lüsterweibchen“, das […] seit fast 5 Jahrhunderten in deren alten [sic] Patrizierhaus die Geschlechterfolgen heranwachsen sieht  und Freud und Leid mit alt und jung erlebt. […] Weihnachtserzählung der früh verstorbenen Dichterin Carola Kellermann […] vorgelesen von deren Schwester, Fräulein Dora Kellermann. Bei den Erinnerungen an ein glückliches Familienleben, die der Anblick der alten Puppenküche im Herzen der sinnigen Schriftstellerin wachrief, wurden aller Herzen weit und weich. Den Schluß […] bildeten einige gedankentiefe Weihnachtsgedichte und ein ermutigender Silvesterspruch von Elisabeth Schnidtmann-Leffler […S.v.P.]


Es fällt auf, daß öfter die Beschreibung „fein“ bzw. „feinsinnig“ begegnet. Man denkt an die filigranen Schmuckformen in Neros Goldenem Haus — floriert in Diktaturen das Liebliche als Gegenbild?


2. Vortragsabend        26. Januar 1937 […]

[Allg. Rundschau S.v.P.]

[…] Zu dem angekündigten Vortrag von General von Fürer hatte sich eine große Zahl von Pegnesen eingefunden, um in Gedanken teilzunehmen an einer Wanderung des Sigmund von Birken […] mit acht Waidgenossen auf den Norischen Parnaß (Moritzberg) und dessen Umgebung 1677. […] der Vortragende führte in seinen lebhaften Darbietungen die Anwesenden in die Zeit nach dem 30jährigen Krieg, indem er uns, von eigenen hübschen Versen umrahmt, ein reizvolles Idyll (Schäferbild) zeigte. Man merkt es den Menschen an, wie sie nach den furchtbaren Kriegszeiten aufatmend auf den Spuren des Humanismus wandelten. […]


Wie stand es um die Finanzen? Im „Kassa-Buch 1925-1938“ ist aus der Zusammenstellung der Jahreswerte auf den Seiten 94 und 95 zu ersehen, daß die Beiträge von 1266 M im Jahr 1927 auf 732 M im Jahre 1935 sanken. Die Spenden stiegen von 6 M im Jahr 1933 (nachdem 2 Jahre nichts gespendet worden war) auf 137 M im Jahre 1937. 1936 ist unter den Ausgaben verzeichnet ein Honorar für Emil Bauer (er war, neben Türk und Schnidtmann-Leffler, eine kommende Dichtergestalt im Orden) sowie ein Jahresbeitrag von 10 M an die Nationalsozialistische Kulturgemeinde. 1937 erhielt zum Beispiel Fräulein von Ebner am 20. Dezember 33,20 M für das Einsammeln der Beiträge — das hatte sie gegen ähnliches Entgeld schon jahrelang getan. Von drei Jahresbeiträgen an unterschiedliche Vereine im Jahre 1936 ist 1937 nur der Beitrag von 10.- an die Goethegesellschaft übriggeblieben, verzeichnet unter dem 30. März. Die letzten 2 Blätter des Buches sind herausgetrennt! Damit fehlt die auf dem Titel angekündigte Abrechnung für 1938.


Nürnberg, am 17. Februar 1937

Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums

[…] Sehr geehrter Herr Baron von Scheurl!

[…] Es ist der Wunsch der von Pg. Rosenberg betreuten Reichsstelle durch Monatsberichte über alle Schrifttumsveranstaltungen vor und nach der Abhaltung unterrichtet zu werden. […]


Die „Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes“ tat manches dazu, den Ruf Raabes in der Nachwelt in nationalsozialistischem Sinne zu ruinieren. Wilhelm Schmidt arbeitete in diesen Jahren aus eigenem Interesse einige Aufsätze über Raabe aus, von denen er einen am 23. 11. 1937 als Vortrag im Orden hielt, einen anderen, „Raabe und die Naturwissenschaften“, brachte er in der Zeitschrift dieser Gesellschaft unter. Rassistische Phrasen sucht man darin vergebens. Schmidt war Mathematiker. Er schreibt da etwa:


S. 85: Raabes Bildung hatte also nach der naturwissenschaftlichen Seite ein klaffende Lücke.

S. 91: Raabe war ein Sohn seiner Zeit, einer Zeit der Aufklärung, abhold okkulten Gedankengängen; einer Zeit, die nicht reich war an großen neuen Erfindungen und Gedanken, aber in stetigem Fortschreiten wissenschaftlicher Forschung und technischer Arbeit mehr geleistet hat als jede andere. Raabe stellte sich wie seine Zeit auf den Boden der Tatsachen, er war einer der großen realistischen Dichter. […]


Auffälligerweise nehmen die historischen Betrachtungen in dieser Zeit zu. Möglicherweise wurde mancher außenpolitische Anfangserfolg in dem Sinne gedeutet, daß Deutschland nun stabil geworden und ein Krieg vermeidbar sei. Nach dem vollständigen Sieg der Nazipartei gab es auch keine innenpolitischen Kämpfe mehr. Man konnte sich zurücklehnen.


10. Vortragsabend        11. X. 38 Colleg 8 ½ Uhr

Anwesend 50 Damen & Herren […]

[Nordbayr. Zeitung No. 241 S.v.P.]

Nürnberg als Musikstadt

[…] bereitete Dr. Wilhelm [Carl?] Dupont mit seinem Vortrag den Hörern einen auserlesenen Genuß […] Die meisten Menschen wundern sich zu hören, daß es eine der bedeutendsten Musikstädte und nicht nur durch die Meistersinger rühmlich bekannt war. […] 12 angesehene Bürger Nürnbergs, meistens Patrizier, gründeten 1588 eine Gesellschaft der vokalen und instrumentalen Musik „Kränzchen“ genannt. Ein Protokollbuch dieser Gesellschaft, bis 1796 im Besitz eines Scheurl, ist jetzt im britischen Museum. Einige Namen der Gründer findet man im Pegnesischen Blumenorden wieder, dessen Vorläufer das „Kränzchen“ genannt werden kann, in dem großer Wert auf fremdwortfreie Sprache gelegt wurde. […]


2. Vortragsabend        Dienstag, den 31. I 39. […]

[…] Pfarrer Türk begrüßt in launiger Weise die Anwesenden; die Verdunklungsübung vor 8 Tg. hatte die Verschiebung auf den 31. I. notwendig gemacht. Es schien zunächst, als ob auch dieser Abend unter dem Zeichen der Verdunklung stehe; das gewohnte Zimmer war nicht vorbereitet, nicht durchwärmt, so zog man in das zunächst auch nicht warme Kaffeezimmer zu ebener Erde und alles, was dazu fähig war, schleppte Stühle herbei, bis nach einiger Zeit für alle Erschienenen Sitzgelegenheiten geschaffen waren und der Vortrag beginnen konnte.

Was unser Ehrenmitglied, Herr Archivdirektor Dr. Reicke uns vom Universitätsleben des Mittelalters berichtete, sagt in großen Umrissen der obenstehende Bericht der Nordb. Zeitung (und des Fränkischen Kuriers).


Es handelte sich um eine rein historische Darstellung.


Schachtel 59 des Pegnesenarchivs enthält fünf Artikel des Heimatforschers und Festspielverfassers Dr. Artur Kreiner, teils veröffentlicht, teils im maschinenschriftlichen Konzept, über Altdorfs Universität, die Leopoldina, einzelne dortige Professoren, darunter Omeis. Die Texte sind sehr eingehend recherchiert; Zeitraum der Abfassung sind etwa die Jahre 1936 bis 1940. Einer davon ist ein broschürter Sonderdruck der Seiten 309 bis 340 einer größeren Veröffentlichung, welche überschrieben sind „Kleinere Mitteilungen“. Der Herausgeber Kreiner hat vermerkt: „Seiten 322-340 Vortrag gehalten im Bl. Orden 28. IV. 1939, gewidmet vom Verf.“ Der vorgetragene Aufsatz heißt „Professorenschicksale und Charakterköpfe aus der Universitätgeschichte Altdorfs.“ Bemerkenswert ist an allen diesen Schriften Kreiners, daß er nicht den Versuch macht, seine den Tagessorgen enthobenen Forschungsergebnisse mit führertreuen Phrasen zu dekorieren. In diese Kategorie gehört auch:


3. Vortragsabend        Dienstag, den 14. II. 39 […]

Freiherr von Scheurl begrüßt die Anwesenden und lädt zu einer Führung den 2. III ½ 3 Uhr in den Katharinenbau ein, wo die Reichskleinodien unter sachkundiger Führung gezeigt werden.


Es geht zu wie in den 1950er Jahren.




Der nationalsozialistische Irrhain


Den Irrhain umzufunktionieren, war nicht so leicht. Er hat nun einmal den ganzen Ausdruck von Rückzug und arkadischer Unbeschwertheit. Dadurch stellte sich ein seltsamer Widerspruch zwischen gewollt schnuckeliger Wohlfühlatmosphäre und zackigen Einsprengseln her. Rein substantiell wurde an den Einrichtungen nichts mehr geändert, nur fielen diese der Verwitterung anheim.


Irrhainfest des Pegnesischen Blumenordens [1933]

[handschriftlich als Ausschnitt aus der Nordbayerischen Zeitung gekennzeichneter, undatierter Text von S.v.P.]

[…] Naturbühne, wo alsbald ein reizendes heiteres Irrhainspiel „Häsle“ von Georg Türk die Zuschauer aufs beste unterhielt und ergötzte. […] Den Schluß des feierlichen Teiles bildete der gemeinsame Gesang des von Freiherrn von Scheurl gedichteten, von freudiger Zukunftshoffnung für unser deutsches Vaterland durchpulsten Irrhainliedes. […]


Das diesjährige Irrhainfest

[hs. als Ausschnitt aus der Nürnberger Zeitung gekennzeichneter, undatierter und unsignierter Text]

[…] Unter den alten, teilweise von Gedenktafeln behangenen Bäumen, zwischen Denkmalen der Vorzeit, versammelte sich eine muntere Gegenwart, die freilich nur noch geringe Beziehung zu dem hat, was Harsdörffer, der Begründer des Ordens, vor 300 Jahren gewollt und gemeint hatte. […] Das diesjährige Irrhainspiel hatte Pfarrer Georg Türk, der Autor der beiden bemerkenswerten Romane „Unsichtbare Hände“ und „Johannes Baptista“ verfaßt […] es […] suchte in märchenhaftem Gewande das „hochmoralische“ Beispiel zu geben: wie niemand vergessen soll, seiner höheren Bestimmung zu gedenken, und ebenso aber auch niemand seinen Kopf zu hoch zu tragen das Recht hat. […Türk] verlas eine gereimte Ansprache, in welcher er eine Begegnung zwischen Florindo und Jean Paul imaginierte, die in sinniger Weise das Entstehen eines Geburtstagsgedichtes für den ersten Vorsitzenden begründete.


1. Wochenversammlung        9. Januar 1934

[Fränk. Kurier 9. I 34]

Ergötzliches und Ernstes aus vergangenen Tagen des Pegnesischen Blumenordens.

Zu einem gemütlichen und anregenden Abend […] Pfarrer Türk bot in Ergänzung seines vor einigen Wochen gehaltenen Vortags unter Bezugnahme auf alte Grundrisse und Zeichnungen des Irrhains und auf verschiedene Bildnisse aus alter Zeit […] manch Wissenswertes. […]


Irrhainfest                    Sonntag, den 10. Juni 1934

[2 Zeitungsausschnitte, davon der mit S.v.P. gezeichnete aus dem Fränkischen Kurier vom 14. VI 34]

[…] Auf dem altehrwürdigen Friedhof gedachte der Ordensführer, Professor Dr. Eberhard Freiherr von Scheurl, vor allem des großen Geschehens in unserem deutschen Vaterland in den letzten Monaten. Seine Worte fanden lebhaften Widerhall in der gemeinsam gesungenen 1. Strophe des Horst-Wessel-Liedes. Sinnige Verse des Stellvertreters des Ordensführers, Pfarrers Georg Türk, die die Anwesenden etwa 100 Jahre zurückführten, Worte des Irrhainpflegers, Kunstmalers Trost, des Schatzmeisters, Professors Schwarz, des Ehrenmitgliedes, Oberstudienrat Konrad Meyer, der 1. Schriftführerin, Sophie v. Praun, des Dichters des Irrhainliedes, Oskar Franz Schardt, und anderer schlossen sich in gebundener und ungebundener Rede an […]


Es gab kein Irrhainspiel. Auch im folgenden Jahr scheint keines aufgeführt worden zu sein, sonst wären die Aufwendungen für das Irrhainfest nicht nur 145 M gewesen, im Unterschied zu 743 M im Jahre 1930.


Irrhainfest                    Sonntag, den 28. Juni 1936

[Bericht in der Allgemeinen Rundschau Seite 8/Nr. 15, gezeichnet S.v.P. (der parallele Bericht im Fränkischen Kurier ist R.B. gezeichnet); beide Artikel sind zweispaltig und mit großen und fetten Titeln versehen.]

[…] Das dem Andenken des einstigen Ehrenmitgliedes Konrad Grübel gewidmete Fest wurde schon angekündigt durch die Gestalten aus Grübels Zeit, die in ihren reizenden, altväterlichen Trachten da und grt [dort] auftauchten […] Mit dreifachem, begeistert aufgenommenen Siegheil auf den Führer Deutschlands, auf Volk und Vaterland, dem das Deutschlandlied und das Horst-Wessellied folgte, schloß die Rede [Scheurls] […] Nun wurde der übliche Umzug im Hain gemacht unter Vorantritt der Musik, der jüngsten Pegnesen und des Festwirts [von Hand ausgebessert: „Forstwarts“] Hofer. Letzterer trug seinen mit einem wundervollen Blumenstrauß geschmückten Stab diesmal mit besonderem Stolz, war es doch das 80. Mal, daß ein Hofer dies Amt bekleidet — auch sein Vater hatte es jahrzehntelang inne gehabt. […] öffnete der Himmel an diesem Nachmittag seine Schleusen nun zum drittenmal und zwar so heftig, […] blieb nichts anderes übrig als […] nach einiger Wartezeit in notdürftigem Schutze den stimmungsvollen Irrhain zu verlassen, durch den schon der Duft der Bratwürste zog, der aber nun leider einem See glich, und das Fest in Kraftshof bei Hofpeter fortzusetzen. […]


Irrhainfest der Pegnesen

Ein Stück Alt-Nürnberg in unserer Zeit

[Nordbayr Ztg. No. 137 16. VI 37 S.v.P.]

[…] so zogen denn auch die Pegnesen frohbeschwingt in stattlicher Zahl am Sonntag nachmittag durch die wogenden Kornfelder nach in herrlichstem Frühsommerschmuck prangenden Irrhain, in dessen köstlicher reiner Waldesluft es sich bald alt und jung von Herzen wohl sein ließ bei frohem Plaudern und Hofpeters Kaffee mit den guten Küchlein. […] Auf den gemeinsamen Gesang des von Baron Scheurl gedichteten Irrhainliedes folgten die angekündigten Lönslieder […] Dazwischen trug Michael Dosch, ein aufstrebender Nürnberger Dichter, mit viel Wärme einige eigene Gedichte vor, die von freudigem Schaffensmut und heißer Vaterlandsliebe zeugten und mit einem begeistertem [sic] Heil des Ordensleiters auf den Führer und auf Deutschland sowie mit dem Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes abgeschlossen wurden. [Dieser letzte Satzteil nach „…vor“ fehlt im Bericht des Fränkischen Kurier vom 17. VI, No. 165, aus S.v.P.s Text redigiert…]


Irrhainfest                    Sonntag 10. Juli 38

Nachmittags ab 3 Uhr

Das auf 3. Juli festgesetzte Irrhainfest mußte wegen zweifellos ungünstiger Witterung auf 10. 7. verschoben werden, wo es bei einigermaßen ordentlichem Wetter den geplanten, einfachen aber recht hübschen Verlauf nahm […]


[Nordbayr. Zeitung 12. VII 38 S.v.P.]

[…] die herzliche, von Vaterlandsliebe und Kunstbegeisterung getragene Rede des Ordensleiters, Freiherrn v Scheurl, […] die in einem dreifachen Siegheil auf den Führer und das geeinte Deutsche Reich ausklangen. [kein Horst-Wessel-Lied; kein Irrhainspiel, sondern Gedicht- und Liedvorträge]

 

Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1939.

gestiftet zu Nürnberg 1644

[…]

Das Irrhainfest wurde am 2. Juli abgehalten, trotz des früh u. in den Mittagsstunden sehr zweifelhaften u. regnerischen Wetters. Man mußte deshalb leider auf das mit Recht so beliebte Kaffeestündchen im Irrhain verzichten. Die [gestrichen: „leider“] nur kleine Zahl der Mutigen labte sich deshalb bei Hofpeter an dessen rühmlichst bekannten Küchlein u. Kaffee. Indessen hatte sich der Himmel so weit aufgehellt, daß man fröhlich durch die wogenden Felder nach dem Irrhain wandern konnte, in dem der Umzug mit Musik die festliche Stunde einleitete, die durch feinsinnige Dichtungen von Freiherrn von Scheurl u. Pfarrer Türk, der des 180. Geburtstag Schillers gedachte, wie mit reizvollen Gesängen zur Laute von Liselotte Schirmer verschönt wurde. […]


Wie kam es zu dieser Entpolitisierung? Schien die Kampfzeit, wie schon vermutet, in den Augen der alten Kämpfer vorbei?



Kriegsjahre, zum zweitenmal


Abzusehen war der Krieg wohl, aber den Verlauf hatte man sich anders vorgestellt. Das nimmt wunder, denn schon im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg hatte zum Beispiel Rudolf Steiner irgendwo eine ganz einfache Rechnung aufgemacht, die bestimmt auch andere anzuwenden gewußt hatten: Man muß sich nur die jährlich zur Verfügung stehenden Energiemengen der Beteiligten, meinetwegen in Britischen Kohle-Einheiten, ansehen, um zu wissen, wer gewinnen wird. Für Kriege, die in der Fläche geführt werden, stimmt das jedenfalls. Ziemlich bald setzte Realitätsverweigerung ein, dann ängstlich verschwiegene Verzweiflung. Gerade die Zivilisten, die im vorigen Krieg noch tief im eigenen Land wenigstens ihres Lebens und ihrer festsitzenden Habe sicher waren und ihren Patriotismus auf Kosten der armen Frontschweine hochhalten konnten, bekamen jetzt in ganz direkter Weise zu spüren, worauf sich das Land eingelassen hatte. Gerade der Präses erlitt wohl den größten Verlust, und nach dem Ende des alten Europa 1918 schien 1944 das Ende der herkömmlichen Kultur überhaupt gekommen.


Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1939. […]

Wir schauen wieder dankbar zurück auf ein Jahr schöner Zusammenarbeit und reichen Genießens, in dem wir es, wie schon so oft, erleben durften, daß die Kunst hinaushebt über Raum und Zeit und den Alltag des Lebens. Dies dürfen wir sowohl von den ersten Monaten sagen, da unser Vaterland noch im Frieden lag, als auch von der Zeit, in der schon dunkle Wolken des Krieges sich über ihn zusammenballten und endlich von den letzten Monaten, in denen rings um unser Deutschland her der Krieg tobte und unsere Grenzen von unseren tapferen Soldaten treu beschützt wurden.

Daß wir solchen Rückblick halten können, ist vor allem das Verdienst des verehrten Ordensleiters, des Universitätsprofessors Herrn Dr. Eberhard Freiherrn von Scheurl und seiner verehrten Frau Gemahlin […]

Im 1. Halbjahr versammelten wir uns wie bisher, durchschnittlich zweimal monatlich, im Hause der Gesellschaft Colleg, in dem der Pegnesische Blumenorden etwas mehr als 10 Jahre getagt hat. Das Scheiden aus den so lange vertrauten Räumen fiel nicht ganz leicht, als es durch den Beginn des Krieges im Herbst bedingt war, da das Colleg von der Stadt beschlagnahmt und zum Lazarett bestimmt und eingerichtet wurde. Der Ordensvorstand entschloß sich, die Versammlungen nun vorläufig in die Gaststätte „Zum Krokodil“, Weintraubengasse, zu verlegen, […] wo der Orden seine Versammlungen schon viele Jahre abgehalten hatte (etwa von 1910 – 1922). Die Kriegszeit hatte es ratsam erscheinen lassen, nur monatlich einmal zusammenzukommen, und zwar möglichst zur Zeit des Vollmonds, in der die durch den Krieg notwendige Verdunkelung der Straßen weniger empfindlich ist, ja in der man sogar auf dem nächtlichen Heimweg die Schönheit der alten Stadt ganz besonders genießen kann. […]

1. Frau Wanda von Baeyer-Katte über Annette von Droste-Hülshoff

2. Der Nürnberger Mundartdichter Johann Greulein erzählt aus seinem Handwerkerleben und streut eigene Gedichte ein — Georg Türk liest eine neue Erzählung: „Die Bank“

3. Oberlehrer Hans Hubel spricht über Adalbert Stifter, zur Erinnerung des Eintritts seiner Heimat in das deutsche Reich. […]

6. Hildegard Reinke liest aus eigenen Werken

7. Oskar Franz Schardt: Aus eigenen Werken

8. Paula Schneider-Höllfritsch trägt Werke von Annette von Droste-Hülshoff vor.

9. Georg Türk spricht über Ina Seidels neuestes Werk: Lennacker

10. Professor Wilhelm Schmidt über: Martin Greif (geb. 1839)

11. Der Adventsabend fand am 19. Dez. in dem weihnachtlich im Schmucke von Tannen u. Lichtern strahlenden Saale des Krokodil statt […] Freiherr von Scheurl, Bernhard [Leonhard?] Ringler, General von Fürer, Oberstudienrat Kaspar, Betti Schneider-Stöcker, Maria Schneider, Hildegard Reinke und Pfarrer Türk gestalteten mit dichterischen und musikalisch hochstehenden Vorträgen den Abend außerordentlich stimmungsvoll und schön. […]

Unser Mitgliederstand war am 1. Januar 1940 bei 6 neuen Mitgliedern und 6 Verlusten durch Tod oder Austritt: 1 Ehrenmitglied, 87 ordentliche Mitglieder, 3 in schriftlichem Verkehr stehende, und 8 außerordentliche (vom Beitrag befreite Hinterbliebene verdienter Mitglieder).

[…] erwähnt sei mit herzlicher Dankbarkeit auch, daß Professor Dr. Reubel die Kassenführung, gleichsam als Erbe des verstorbenen Schatzmeisters, vorläufig übernahm.

Die 1. Schriftführerin hat auch im verflossenen Jahre Berichte von allen Versammlungen (Vortragsabenden und Festlichkeiten) geschrieben u. sie zunächst an 4 Zeitungen gegeben. Seit Beginn des Krieges hat nur der Fränkische Kurier die Berichte angenommen. […] wie bisher erhielten auch Einladungen die Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums, die Gaudienststelle des deutschen Volksbildungswerkes, der am Schluß jedes Monats auch die Besucherzahl angegeben wurde. Der Landeskulturwalter Gau Franken, Landesleiter für Schrifttum und endlich der Präsident der Reichsschrifttumskammer, Abteilung Reichswerk Buch u. Volk, Berlin Charlottenburg, Hardenbergstr. 6. […]


Sophie von Praun schrieb ihre Einzelprotokolle nicht mehr, wie frühere Berichterstatter, zur Verlesung und Genehmigung in der nächsten Versammlung, sondern seit geraumer Zeit schon für die Zeitungen und neuerdings eben für die Gesinnungsschnüffler. Die Rückschau für die Mitglieder war auf den Jahresbericht in der Hauptversammlung beschränkt.


Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1940

[…] In all dem großen Geschehen der Kriegszeit und in den mancherlei Sorgen, die auf uns liegen, durften wir doch auch im letzten Jahre ungestört unsere Vortragsabende halten und manche anregende, schöne Stunde erleben. Die Versammlungen waren, wie seit Kriegsbeginn, einmal monatlich und zwar stets zur Zeit des Vollmonds, in der das abendliche Ausgehen trotz der durch den Krieg notwendigen Verdunkelung für die meisten Mitglieder doch leicht möglich ist. […]

Das Irrhainfest, oder — wie es der ernsten Zeit wegen diesmal genannt wurde — das Sommertreffen im Irrhain fand am 7. Juli statt. […] Georg Türks gedankentiefer Nachruf für einen jungen Gefallenen (W.W. Schmidt), die schönen ernsten Dichtungen Elisabeth Schnidtmann-Lefflers und Emil Bauers. Eine heitere Erzählung Oskar Franz Schardts […] Freiherr von Scheurl schloß mit Worten heißen Dankes gegen Gott, den Führer und die Wehrmacht und mit dem Ausblick auf eine lichte Zukunft […]

Unser Mitgliederstand war am 1. Januar 1 Ehrenmitglied, 87 ordentliche Mitglieder, 3 in schriftlichem Verkehr stehende, 10 vom Beitrag befreite Hinterbliebene verdienter Mitglieder.

[…] Von den Veranstaltungen brachte der Fränkische Kurier regelmäßige, aber leider nur sehr knappe Berichte, was auf die durch den Krieg veranlaßte Papierknappheit zurückzuführen ist. […]

Er [der Irrhain] wurde, nachdem die reichlichen Wasser des Winters 1939/40, die ihn zu einem großen See umgewandelt hatten, von einigen Mitgliedern und ihren Familien an schönen Sonntagen häufig besucht […]

Während der vorliegende Jahresbericht in frühester Morgenstunde des 6. Mai beendigt wurde, trieben feindliche Flieger in Neunhof, in nächster Nähe des Irrhains, ihr furchtbares Zerstörungswerk, dem mehrere Bauernhöfe und Scheunen ganz oder teilweise zum Opfer fielen. […]

Dies nächtliche Erleben legt uns den heißen Wunsch auf Herzen und Lippen, daß unsere alte Stadt und ihre Umgebung ferner gnädig behütet werden möge vor Brand und Verderben. […] Und möchten diejenigen, die ihn bisher so treu geführt haben, vor allem unser verehrter Ordensleiter [!], Freiherr von Scheurl, und seine Frau Gemahlin, die wohl seine treueste Mitarbeiterin genannt werden darf, ihn noch viele Jahre führen und seine Wege ebnen dürfen!


Nürnberg, 6. V. 41.

Sophie von Praun, 1. Schriftführerin

Januar-Februar-März-Ansage 1940. […]

Dienstag 23. Januar, 20 ¼ Uhr: Prof. Frhr. v. Scheurl spricht über: Otto Gmelin „Das Angesicht des Kaisers“, Roman „Friedrichs II. von Hohenstaufen“.

Dienstag 20. Februar, 20 ¼ Uhr: Oskar Franz Schardt: „Ernste und heitere Kriegsnovellen nach eigenen Erlebnissen im Weltkrieg 1914/18.

Dienstag 27. Februar, 20 ¼ Uhr: Frau Wanda v. Baeyer-Katte spricht über: Wilhelm Schäfer „Theoderich König des Abendlandes“.

Dienstag 12. März, 20 ¼ Uhr: Ordentliche Hauptversammlung […]


April-Mai-Ansage 1940. […]

Dienstag 16. April, 20 ¼ Uhr: Dr. Emil Reicke, Archivdirektor i. R.: „Im Kriege 1870/71; Szenen aus einem Festspiel zu Ehren eines ehemaligen norddeutschen Regiments.“

Dienstag 23. April, 20 ¼ Uhr, 1. Stock: Lieder und Balladen von Uhland, Geibel, Lenau und Storm, vertont von Fritz Scheiding, gesungen von Helene Friderich (Alt). […]

Dienstag 21. Mai, 20 ¼ Uhr: Herr Studienrat Herold spricht über den Roman von H. Benrath: „Die Kaiserin Galla Placidia.“ […]


Februar-März-April-Ansage 1941 […]

Dienstag, 11. Februar 20 ½ Uhr:

Osk. Frz. Schardt liest eigene Novellen:

1. Der Wolfseher 2. der Krug von Gent 3. Spiel im Chor

Dienstag, 11. März 20 ½ Uhr:

Oberlehrer Hans Hubel spricht über:

Isolde Kurz: „Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen“

Dienstag, 8. April 20 ½ Uhr:

Ordentliche Hauptversammlung […]


Jahresbericht 1941 des Pegnesischen Blumenordens

[…] Hat sich auch unser sehnliches Hoffen nicht erfüllt, das riesige Völkerringen möge zu Ende gehen, so blicken wir doch voll heißer Dankbarkeit auf all die unbeschreiblich großen Erfolge, die unsere Wehrmacht auch im vergangenen Jahre errungen hat. […]

Einmal im Monat, stets um die Vollmondzeit, fanden unsere Vortragsabende in der Gaststätte Krokodil in der Weintraubengasse statt. Auch in diesem Jahre waren unsere Zusammenkünfte erfreulich gut besucht, durchschnittlich von 50 Teilnehmern. […]

Am 26. November erlag Oskar Franz Schardt einem Schlaganfall. […] Oftmals hat er in unserer Mitte aus eigenen Werken vorgelesen […] Ein hübsches Irrhainspiel haben wir ihm gleichfalls zu danken. Oskar Franz Schardt war aber auch im Irrhain zu Hause, wo er sich von seiner anstrengenden geistigen Arbeit erholte, indem er in fröhlichem Eifer mit Spaten und Rechen arbeitete. […]

Der Deutsche Sprachverein, Zweig Nürnberg, ist körperschaftliches Mitglied des Ordens, […]

Am 14. Januar hatten wir die Freude, unser Ehrenmitglied, Archivdirektor Dr. Reicke über „Felix Dahns Lebenserinnerungen“ sprechen zu hören. — Am 11. Februar las Oskar Franz Schardt aus eigenem Schaffen drei Erzählungen vor. — Oberlehrer Hans Hubel sprach am 11. März über „Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen“ von Isolde Kurz. — Dr. phil. Wanda von Baeyer-Katte besprach am 13. Mai das letzte Werk Ina Seidels, „Unser Freund Peregrin“.

Zum Irrhainsommertreffen fand sich am 6. Juli bei prachtvollstem Sonnenschein eine erfreulich große Zahl von Pegnesen ein. […] Wohltuend tönte durch den frischgrünen Hain das reife Spiel der Geschwister Traudel und Paul Günther (Violine und Flöte), Dr. Eva Maria Schneider sang mit ihrem klaren Sopran einige Lieder aus der Gründungszeit des Blumenordens […]

Am 5. Oktober fand die Gedächtnisfeier für Oberstudiendirektor Karl Rorich statt. […] Beim folgenden Vortragsabend am 4. 11. las Georg Türk einige Sommergeschichten. Am 2. Dezember endlich fand der Adventsabend statt. […] Zu ihrer großen Überraschung wurde die unterzeichnete Schriftführerin, für ihre nahezu 20jährige Tätigkeit durch eine liebenswürdige Ansprache des Ordensleiters und eine Fülle reicher Gaben geehrt. […]

Bei der O.H. am 6.5. besprach man vor allem die vorbereitenden Arbeiten für die Dreihundertjahrfeier des Ordens 1944. Da es gilt, eine Geschichte der letzten hundert Jahre zu schreiben, ist es vor allem notwendig, das Ordensarchiv durchzuarbeiten. Mit dieser ehrenvollen Aufgabe wurde unser Schatzmeister, Studienprofessor Schmidt, betraut. Die mühsame Ordnung und Sichtung des Archivs im Pellerhaus […]


Von da an leistete Wilhelm Schmidt in verhältnismäßig kurzer Zeit Unglaubliches: Er durchforstete das gesamte Archiv und verfaßte eine Ordensgeschichte, als deren Nebenprodukte Mitgliederlisten nach verschiedenen Ordnungsprinzipien entstanden. Er suchte wohl durch verbissene Arbeit darüber hinwegzukommen, daß sein Sohn gefallen war. Mit der Zeit wußte er über den Orden mehr als irgendeiner seiner Zeitgenossen, und er ließ es sich auch anmerken.


Nürnberg, 23. 12. 41

Schriftleitung des Fränkischen Kuriers, Nürnberg

[…] Sehr geehrtes Fräulein von Praun!

Ihren uns über die letzte Adventsveranstaltung des Pegnesischen Blumenordens eingesandten Bericht konnten wir zu unserem grossen Bedauern nicht bringen, da auf Grund einer Absprache mit den massgebenden Stellen in diesem Jahre über Advents- und Weihnachtsfeiern nicht berichtet werden kann.

Heil Hitler!

i.A. Karl Hornung


Wilhelm Schmidt schrieb später handschriftlich an den Rand: „Ein Zeichen der Hitlerzeit!“


Brief von Wilhelm Schmidt vom 11. März 1942:

Hochverehrter Herr Baron!

[…] In die Tagesordnung der Hauptversammlung vom 28. 3. 42. bitte ich folgenden Punkt aufzunehmen:

Vorbereitungen zur Jubelfeier.

Insbesondere: 1. Durch Aufstellung eines Ausschusses oder durch besondere, etwa 1-2monatliche Sitzungen zu obigem Zweck soll eine Anzahl Mitglieder, besonders auch jüngere mit den Ordensschätzen und ihrer Verwahrung sowie mit den Quellen zur Ordensgeschichte vertraut gemacht werden. Es werden Anfragen über den Ordensbesitz und seine Geschichte sich mehren und es ist Ehrensache darauf gründliche Antworten geben zu können.

2. ist Klarheit über die Ehrenmitglieder und Mitglieder im Schriftverkehr zu schaffen. 1925 erschien das letzte Mitgliederverzeichnis. Seitdem stehen die auswärtigen Mitglieder nicht einmal mehr auf dem Papier und sind zu sagen- und märchenhaften Größen geworden.


Er unterschreibt nicht mit „Heil Hitler!“ wie Scheurl es in diesen Jahren überall tut, auch an ihn, sondern: „Mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung“.

Von einem alten Bekannten, der mittlerweile zu akademischen Würden gelangt ist und, von der rasenden Kriegsfurie scheinbar unberührt, seinen kulturhistorischen Studien nachgeht, erhält der Orden auf einmal Briefe mit reichlich abseitigen Spekulationen zur Ordensgeschichte. Er schreibt sich „Wieszner“, und zwar auch dann, wenn es nicht darum geht, in Kapitalschrift das „ß“ zu vermeiden.


1. 6. 42                Sehr verehrter Herr Dr! [Reubel]

Ich habe z.Zt. eine Schrift der U.B. Jena bei mir, die den Nachweis bringt, daß der Pegn. Bl. O. eine Abzweigung einer der logenaehnl. Verbaende des 17. Jhts. ist. Harsdoerffer dürfte zu der damaligen Loge Indissolubilis gehoert haben. Damit werden besonders viele Bilder aus dem Kreise des Ordens (Teutscher Palmenbaum) klar. Bischoff kennt die Zusammenhaenge m. W. noch nicht. Auch mir waren sie bis jetzt nur intuitiv aufgefallen.

Sollten Sie sich für die Sache interessieren, zeige ich sie Ihnen gerne. Bitte rufen Sie mich dann vorher an.

Herzlich von Haus zu Haus

Ihr Wieszner


12. 6. 42                [maschinenschriftliche Postkarte]

An Studienprofessor i. R.

Wilh. Schmidt [u.s.w. als Stempel! Anscheinend zur Rückantwort von Schmidt zur Verfügung gestellte Karte]

Sehr geehrter Herr Schmidt!

Meine Frau wird Ihnen ja mittlerweile schon mitgeteilt haben, daß ich [fehlt: „in“] sehr wichtiger Verlagsangelegenheit in Salzburg – München war Sie deshalb leider nicht empfangen konnte. Ich würde mich freuen, Sie demnächst doch kennen- oder wieder kennen zu lernen, denn Ihr Herr Vater gehört zu meinen liebsten Jugenderinnerungen. Was die Sache selbst anbelangt, so dürfte sie durch die Mitteilung einer Widerlegung Kellers durch Begemann erledigt sein, vorausgesetzt, daß die Widerlegung stichhaltig ist. Mein Vergleich der Pegnesischen Bücher, insb. der Stiche mit Kellers Behauptungen läßt Keller einseitig, aber in Vielem fest begründet erscheinen. Ich bin übrigens zufällig vorgestern in Aigen bei Salzburg mit einem guten Kenner den Parkwegen der dortigen berühmten Illuminaten nachgegangen, insbesondere in Beziehung auf Mozart. Die Dinge als Zeiterscheinungen sind ja oft wichtiger als sachliche Zusammenhänge. Aber wie gesagt, ich traf die Dinge anläßlich einer Nebenarbeit für das Barockkapitel meines Buches und habe wie ich das gewohnt bin, Herrn Dr. Reubel über diesen Fund Mitteilung gemacht. Ob ich Ihre Zeit nicht allzusehr belaste, wenn ich nichts beibringen kann als Kellers Einzeluntersuchung verglichen mit den Originalen auf der allg. Grundlage etwa von Peuckert, weiß ich nicht. Wenn Sie noch Interesse haben, verständigen Sie mich doch telefonisch. Ich mach mir dann gerne eine uns beiden mögliche Zeit frei.

Mit besten Grüßen

Wieszner


Die unter der Nummer 59 im Pegnesenarchiv abgelegten Materialien verteilen sich auf zwei Schachteln; in der zweiten ist der Briefwechsel einer Frau Ilse Bauer mit Wilhelm Schmidt erhalten. Es sind 6 Briefe unterschiedlichen Formats und ca. 30 Postkarten zwischen 8. 11 1942 und 17. 12. 1952, an denen sich einiges an Vorkommnissen ablesen läßt. Frau Bauer, eine Hamburger Lehrerin, war im Rahmen von Familienforschungen auf Vorfahren gestoßen, die Ordensmitglieder gewesen waren, und wollte nun selber aufgenommen werden. Das wurde gewährt, und sie hielt trotz schwerer Schicksalsschläge die Verbindung aufrecht:


26. 2. 43

[…] Meine Gedanken sind gar oft in Nürnberg, namentlich war dies heut der Fall, wo ich hörte, daß der Feind über Nacht dort war. Die armen Menschen, die dabei ums Leben kamen, tun mir so leid. Hoffentlich ist von der Stadt nichts beschädigt, und hoffentlich sind keine Sammlungen und Kunstwerke zerstört. Diese Zeit ist arg schlimm. Hoffentlich hat der Krieg bald ein Ende. [… Und das auf offener Postkarte!]


4. 3. 43

[Sie berichtet, daß sie einen Schlaganfall hatte, sich davon erholt und nach Bad Tölz zur Kur geht.]


5. 3. 43

[…] Ich bedaure sehr, daß die schöne, alte Kirche mit dem Friedhof zerstört wurde, und daß Kraftshof, wo der Orden doch gewiß sommertags zusammenkommt, schwer gelitten hat. […]


14. 3. 43

[…] da haben Sie also Ähnliches erlebt und müssen sich so lang schon plagen durch die Verwundung im ersten Weltkrieg. Daß Sie überhaupt zuerst noch damit amtieren konnten ist viel! bei den schweren Fächern mit Lineal, Zirkel und Versuchen. […]


[…] Altenmark, d. 5. 8. 43

[…] Vom 28. 7. auf den 29. 7. kam das Unglück über mich, und ich verlor Wohnung und Hausstand, und rettete mit wenig Garderobe mein Leben. […]


14. Aug. 1943

Sehr geehrtes Fräulein!

[…] Wir selbst blieben bis auf kleine Schäden an Fensterscheiben und Verdunkelungsvorrichtungen verschont, aber schon in unserer Nähe tobten Brand und Zerstörung. In der Altstadt sind schwere Schäden, unter vielem anderen die Lorenzkirche schwer getroffen. […] Es sieht bös aus in Nürnberg. Tagelang fehlte bei uns Wasser, Gas u. Strom. Jetzt nur mehr Gas, aber noch auf viele Wochen. […]

Ihr ergebener Wilh. Schmidt


Bischofsgrün, d. 25. 10. 44

[…] Ach ist das schade um das so herrliche Pellerhaus! Im Jahre 1936 durfte ich dort im Benutzerzimmer die Originalpapiere meines Urgroßvaters einsehen mit seinem Heiratsvertrag und seiner Meistererwerbung. Er war Handwerksmeister, und als solcher Nürnberger Bürger. […]


Bischofsgrün, den 21. 1. 45.

[…] Wie leid tut es mir, daß die Familie von Scheurl ihr schönes, altes Haus, das ich noch sehen durfte, verlor. […] Auch Frl. von Ebner und Familie Trost, alle, die vollgeschädigt und heimatlos wurden, tun mir sehr leid. […]




Hinterher-Reparieren im Irrhain


Irrhainpfleger war derzeit Friedrich Trost der Jüngere. Er hatte eigentlich genug Geld zur Verfügung, denn das Ordensvermögen war von 277,80 beim Rechnungsabschluß im Jahr 1925 auf etwa 1200 Mark im Jahre 1943 angewachsen. Aber das Problem war ja nicht das Bezahlen, sondern das Bekommen.


Nürnberg, 3. Juli 1941

Lieber Herr Professor Schmidt!

Ich darf Sie sehr bitten, am Sonntag zum Irrhainfest reichlich Geld mitzubringen, damit für die Irrhain-Reinigung (Frau Beck) Zaun-Reparaturen, Blumen, Herr Hofer usw. gleich bezahlt werden kann. […] Die Leute freuen sich auch, wenn sie nach langem Arbeiten Geld sehen, sonst warten sie mir nicht mehr so freundlich auf. […] (Vielleicht 150-200 M). Eine Seyschab-Rechnung wird es nicht geben, da er absolut keine Zeit hatte. Es diente mir da freundlicherweise ein Kraftshofer Mann, der viele Stunden im Irrhain arbeitete und seine Rechnung dabei haben wird. […]

Friedr. Trost d.J. […]


Einladung zum Irrhain-Sommertreffen 1941,

das auch in diesem Jahr als einfaches Familienfest für die Mitglieder abgehalten wird, am

Sonntag, den 6. Juli

nachmittags ab 15 Uhr.

Festfolge:

Begrüßung durch die Ordensleitung.

Gg. Türk spricht sein „Irrhainlied“.

Marg. Ungemach trägt eigene Gedichte vor.

[…]

Bei ungünstiger Witterung findet das Fest in der Gaststätte Ulm in Kraftshof statt. Die Mitglieder werden gebeten Lebensmittelmarken und auch selbst Mundvorrat mitzubringen.


Weihnachtspostkarte, 5. 12. 41

[…] Vor 14 Tagen war ich [Trost] im Irrhain u. habe alle Verwüstungen natürlich gesehen. [Der Bombenangriff, in dem Kraftshof verwüstet wurde, war erst 1943. Es kann aber sein, daß bei dem Angriff vom 6. Mai 1941, der Neunhof beschädigte, eine Bombe sich in den Irrhain verirrt hatte. Oder handelte es sich bereits um Vandalismus?] Überall versuchte ich, das Notwendige z. machen, beim Zimmermann, beim Forstverwalter durch einen Waldarbeiter, bei einem Helfer, der mit mir heuer dort arbeitete. Niemand hat Zeit oder ist krank. Ich kann da leider nichts mehr tun in der Kälte. […] Baron v. Scheurl habe ich damals davon erzählt, dann muß man es eben vorläufig so lassen, meinte er. […]


Das ist die Antwort eines zutiefst müden Mannes.


Sommeransage 1942 — Mai, Juni — Juli.

[…] Das Irrhainfest muß wegen großer Verkehrsschwierigkeiten in diesem Kriegsjahr leider ausfallen. Die Mitglieder werden aber gebeten, trotzdem dem Hain die Treue zu halten und mit ihren Familien dort Erholung zu suchen.


In der zweiten Schachtel der Archivnummer 59 befindet sich der undatierte Entwurf eines Ehrenbriefes an Oberforstverwalter Albrecht, in dem ihm für 25jährige Betreuung des Irrhains gedankt wird und er gebeten wird, die „Würde“ des 1. Irrhainpflegers anzunehmen. Gemäß Stammliste war das 1944. Es diente wohl zur Rückversicherung bei den Behörden, denn Trost war weiterhin tätig, wohl als Zweiter und eigentlich geschäftsführender Irrhainpfleger:


Nürnberg, 1. 6. 44

Lieber Herr Ordensbruder!

Der Zaun im Irrhain ist fertig. […] Es ist ein lieber, älterer Zimmermstr. G. Siebentritt, ich habe mit ihm gespr. er sorgt f. d. Irrhain u. macht jetzt oder setzt i. Stand 3 Bänke u. Tische, damit er ordentlich aussieht, wenn jemand hinaus kommt. Die schadhaften Denkmäler wird H. Maurermeister Brunner aufrichten. […]

Friedr. Trost d. J. u. Frau


Nürnberg, 1. August 1944

[…] Aber es sieht schon gut aus i. Irrhain, das Küchenhäusle bezw. das Dach davon ist mit neuen Brettern u. neuer Dachpappe gedeckt. […]



Das ausgefallene Jubiläum


Durchhalten und tun was ansteht, muß die Parole gewesen sein. Verbissen bemühten sich die Pegnesen, nachdem ein Jubiläumsfest außer Betracht gekommen war, wenigstens die Festschrift, Wilhelm Schmidts Ordensgeschichte, zu veröffentlichen.


Brief [des Präses] aus Fischbach an Schmidt vom 9. 8. 1943: Schrag habe für den Druck der Festschrift ein Angebot vorgelegt.


Nürnberg, 1. Sept. 1943

Mein lieber Herr Professor!

[Dank an Wilh. Schmidt für Glückwünsche zur goldenen Hochzeit]

Wie das kommende Geschlecht sich zu solchen Idealen, wie der Orden sie hat, stellen wird, das scheint mir zunächst ein Rätsel zu sein. Ich glaube aber, für Ideale wird selbst nach einem glücklich beendeten Krieg sehr wenig Platz und Sinn vorhanden sein.

Seien Sie beide Gott befohlen und herzlich gegrüßt von

Ihrem Dr. Behringer u. Frau


Schreiben des Schrag-Verlages:


[…] Bei dem Terrorangriff in der Nacht vom 10. zum 11. August 1943 ist das alte Schrag-Haus in der Königstraße bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Gerettet sind sämtliche Manuskripte und Korrekturen, ferner die Buchhaltung und das Lager in der Adlerstraße. […]


Postkarte von Scheurl aus Fischbach an Schmidt vom 16. 8. 1943: „[…] bezüglich des Schrag’schen Angebots! Dies wird nun freilich wohl gegenstandslos geworden sein, wenn nicht die Arbeit im Verlag bald wieder aufgenommen wird.“


G.L. Schrag Verlag z. Zt. Rothenburg o.T.

15. Sept. 1943

[…] Gerade als total geschädigter Verlag glauben wir die Genehmigung zur Herausgabe der Festschrift verhältnismässig leicht zu bekommen, wenn die Papierforderung nicht zu hoch ist. Das hängt in erster Linie von der Auflage ab. […]


Nürnberg, 5. 1. 44

Burgstraße 10 [also noch vor der Zerstörung des Hauses derer von Scheurl]

[…] Es ist dann wohl so, daß der Druck der Festschrift bei Fa. Stich stattfindet, welche nach ihren Erlebnissen und ihrer langjährigen aktiven Verbundenheit mit den Pegnesen die Zuweisung dieser Arbeit wohl verdient.


J.L.Schrag Verlag

17. 5. 1944

Sehr geehrter Herr Prof. v. Scheurl!

[…] Ich war in der Zwischenzeit zweimal in Berlin und habe jedesmal versucht, die Festschrift durchzubekommen. Es wurde mir rundweg abgelehnt. […] auch mein Einwand, dass es sich doch um eine geradezu lächerlich geringe Papiermenge handele, die von der Druckerei ja zur Verfügung gestellt werde, änderte nichts an der Sache. […]


Nürnberg, 26. 5. 44

[…] Der kürzlich angegebenen Anregung entsprechend, sprach ich mit den zuständigen Herren der Stadtverwaltung, die mir empfahlen, direkt mit dem Verlag und mit Herrn Dörner in’s Benehmen zu treten. Die Antwort auf meinen bezüglichen Brief übersende ich Ihnen hiemit. Wollen wir hoffen, daß sich doch noch eine Möglichkeit ergibt, die Festschrift drucken zu lassen, mit der Sie sich so große und wertvolle Arbeit gemacht haben.

Mit verbindlichsten Grüßen von Haus zu Haus!

Heil Hitler!

Ihr ergebener    E.v.Scheurl


J.L.Schrag Verlag

[…] 9. Juni 1944

[…] Unser erneuter Vorstoss wegen der Genehmigung zum Druck Ihres Manuskripts wurde leider wieder abgelehnt. […] „Die äusserst ernste Lage auf dem Papiermarkt und neue Kontingentkürzungen zwingen uns zu dieser Massnahme. […]


Brief Friedrich Trosts d.J.

Nürnberg, 1. August 1944

[…] Noch möchte ich Ihnen mitteilen, heute früh H. Wagner getroffen w. Vervielfältigungbüro „Skribax“. Er sagt es könnte viell. möglich sein, daß er die Festschrift m. Schreibmaschine drucken kann, Papier ist da, viell. geht es auf diesem Weg, er will dann i. Berlin anfr. Vielleicht setzen Sie sich mit d. Herrn i. Verbindung „Skribax“ a. Maxtorgraben bezw. Vestnertorgraben neben d. Zionskirche. […]


Das war wohl keine Adresse, die eine seriös wirkende Festschrift erwarten ließ. Wilhelm Schmidt muß sehr enttäuscht gewesen sein. Und dann starb in München seine Schwester an den Folgen der Ausbombung.


Nürnberg, den 12. V. 44

[…] Sehr verehrter Herr Professor!

Liebe Frau Professor!

Mit herzlichster Teilnahme denke ich öfters in den Tagen des schmerzlichen Verlustes, den Sie durch das Hinscheiden Ihrer lieben Fräulein Schwester erlitten haben! Hoffentlich mußte [fehlt: „sie“] nicht mehr leiden! Gewiß hat der Schrecken des Münchener Angriffs, der ihr Hab und Gut zerstörte, ihre Kraft so geschwächt, daß sie die Erkältung nicht überwinden konnte, die sie sich in jenen furchtbaren Stunden zuzog. Ihr ist die Ruhe zu gönnen, Sie aber werden die treue Schwester und Schwägerin schmerzlich vermissen.

In der heutigen Versammlung des Blumenordens gedachte Pfarrer Türk herzlich der lieben Verstorbenen, die dem Orden seit so vielen Jahrzehnten treu verbunden war und der der Orden ein dankbares Gedenken bewahren wird. Auch Baron Scheurl, der leider noch später kommen konnte, erinnerte dankbar an Ihre verehrten Eltern und ihre liebe Fräulein Schwester. […]


Es ist nachzuvollziehen, daß Wilhelm Schmidt äußerst empfindlich wurde. Er konnte anscheinend nicht ruhig mitansehen, wie Georg Türk ohne Mandat durch den versammelten Orden zum Ehrenmitglied wurde und scheint sich bei Baron von Scheurl beschwert zu haben. Darauf versuchte ihn Türk zu beschwichtigen:


Nürnberg, 15. 8. 1944

Sehr geehrter Herr Professor!

Sie sind doch ganz gewiß mit mir der Meinung, daß gerade Anno 1944 keinerlei Mißstimmung aufkommen darf, die die Feier des 300j. Bestehens des Ordens trüben könnte. Nach Ihren Ausführungen müßte ich mir sagen: Stehe ich im Verdacht der Liebedienerei, weil ich als „Mitarbeiter“ Ehrenmitglied wurde? […] Sie sagten mir ja selbst, daß der übrige Ausschuß nichts wußte. […] Ich habe gern und freudig meine Kräfte dem Orden zur Verfügung gestellt. Der Ordensführer wollte das zum Ausdruck bringen; er tat es und — so viel ich merkte — haben sich alle Mitglieder darüber gefreut. Oder nicht?

Das Führerprinzip in Vereinen ist eine Sache, mit der nach den neuen Verordnungen einfach gerechnet werden muß. Ich finde, daß Herr Baron nicht „selbstherrlich“ handelt, wenn er — was ja seine Pflicht ist — das Führerprinzip handhabt. […] Verliert er einmal dieses Vertrauen [der Mitglieder], so kann doch, was er bisher leistete, nicht jeden Wert verlieren. […]

Irrt ein Mitglied, irrt ein Vorsitzender zu handgreiflich, so wird er die Folgen zu tragen haben. […]

Herr Baron bespricht mit mir jeden Abend und Vortrag im Voraus oder holt meine Zustimmung nachträglich ein, wenn Eile not tut. […]

Auch der frühere Brauch hatte seine starken Schattenseiten. […]

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie man diese Liste [der zum Jubiläum zu ernennenden Ehrenmitglieder] anders hätte aufstellen sollen, als es geschah. Es ging ganz legal her — unter Wahrung des Führerprinzips […] Hätte man nach dem Buchstaben der Satzungen gehandelt, so wäre die Liste überhaupt nicht zustande gekommen! […]



Es läßt aufhorchen, was Türk da über den möglichen Verlust des Vertrauens sagt. Der Subtext könnte sein: Lieber Schmidt, wir sind ja einig, was diese unmöglichen Verhältnisse betrifft, aber laß uns retten, was zu retten ist; es kann ja nicht mehr lange dauern.